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Bewegung lesen

Hintergrund

Teil 3: Theoretischer Hintergrund - bewegunglesen.ch

Die erwähnten Teilaufgaben sind hier noch einmal aufgeführt und werden im Folgenden mit theoretischen Ansätzen besprochen.

Beobachten: Bewegungsausführungen sehen und erfahrungsgeleitet beobachten
Beurteilen: Bewegungsfehler erkennen und kriteriengeleitet beurteilen
Beraten: Bewegungsausführungen verstehen und kriteriengeleitet beraten

Die entscheidenden Fragen zu den Teilaufgaben lauten:

Beobachten: Welches sind die wesentlichen Beobachtungspunkte?
Beurteilen: Welches sind die relevanten Bewegungsfehler?
Beraten: Welches sind die lernwirksamen Rückmeldungen?

Quellenverweis: Bearbeitungsempfehlungen zum Training der Lesefähigkeit von Bewegungen auf bewegunglesen.ch orientieren sich am Gedankengut von Arturo Hotz und werden teils sinngemäss verwendet.

Teilaufgabe Beobachten

Bewegungsausführungen sehen

Die Leistung des Beobachters besteht in der zielgerichteten, aufmerksamen Wahrnehmung von Bewegung. Wahrnehmungsleistungen werden beeinflusst durch visuelle und blickmotorische Leistungsfähigkeit (angesprochene Sehprozesse), der Konzentrationsfähigkeit und dem situationsadäquaten Blickwinkel (zum Beispiel Position zum Athlet) des Beobachters.

Bewegungsausführung erfahrungsgeleitet beobachten

Bewegungen können kaum "neutral" beobachtet werden. Beobachtende nehmen beim "Zusehen" einer Bewegungsausführung stets Bezug auf persönliche Erfahrungen. Diese Bewegungserfahrungen entstehen durch das eigene Bewegungskönnen und durch das angelernte theoretische Wissen. Unter Wissen verstehen wir gespeicherte Fakten, Theorien, Fähigkeiten, Fertigkeiten (wie Bewegungsabläufe) und Emotionen. Reflektierte Bewegungserfahrungen und das theoretische Wissen vereint können als Bewegungsverständnis bezeichnet werden. Je vernetzter das Verständnis für das Zustandekommen einer Bewegung ist, desto genauer kann Bewegung beobachtet werden. Das erfahrungsgeleitete Beobachten ist daher mehr als blosses "Zusehen", wie sich jemand bewegt. Dem Beobachten von Bewegungen liegt also stets das Bewegungsverständnis des Beobachtenden zugrunde.

Welches sind die wesentlichen Beobachtungspunkte?

Auf bewegunglesen.ch wird dem User eine Liste möglicher Beobachtungspunkte präsentiert. Beim Beobachten stehen jene Bewegungen und Körperpartien im Zentrum, die am Gelingen oder Misslingen einer Bewegungsausführung beteiligt sind. Gelingt eine Rolle vorwärts in einer Feinform, kann man beobachten, wie das Gesäss nach oben zieht, eine Gewichtsverlagerung auf die schulterbreit aufgesetzten Hände passiert, wie die Brust zu den Knien geführt wird, wie der Kopf eingerollt wird, usw. Umgangssprachlich ausgedrückt: Die Bewegungsausführung funktioniert. Doch ist es wirklich wesentlich, ob der Kopf bei einer Rolle vorwärts eingerollt ist oder nicht? Ja, denn für eine ökonomische Bewegungsausführung ist entscheidend, dass der Körper schnell eingerollt wird und somit die Rotationsgeschwindigkeit hoch ist. Wer den Kopf aus dem Rotationszentrum hält, bremst seinen Bewegungsablauf. Mit dem Beobachten der Kopfposition richten die Beobachtenden ihren Blick also auf eine wesentliche Körperpartie, die zum Gelingen einer Rolle vorwärts beiträgt.
Alle Beobachtungspunkte auf bewegunglesen.ch gehören zur beschriebenen Bewegungsfertigkeit und charakterisieren diese auch. Allerdings geht der methodische Ansatz im Bewegung lesen davon aus, dass nicht alle Beobachtungspunkte für eine Ausführung der Fertigkeit in einer Grob- oder Feinform von entscheidender Bedeutung sind (siehe auch 1.8.2). Entscheidend, und deshalb hier auch wesentlich genannt, sind häufig nur wenige Kernbewegungen. Alles andere ist Zusatz und Ausdruck individueller Bewegungsformen. Der User lernt durch die gestellten "Aufgaben" auf bewegungslesen.ch, auf welche wesentlichen Beobachtungspunkte er seinen Blick richten soll, um individuell lernwirksame Beratung bieten zu können. Vereinfacht gilt der Ansatz: Wesentliche Beobachtungspunkte führen zu Beurteilungskriterien, welche auf relevante Bewegungsfehler deuten könnten, die möglichst geschickt, also lernwirksam, zu korrigieren sind.

Lerneffekt der ersten Teilaufgabe

  • Wesentliche Beobachtungspunkte, bzw. Kernbewegungen, Kernpositionen einer Fertigkeit sind bekannt. 
  • Wer über ein breites Bewegungsverständnis (Können, Wissen) verfügt, kann sich auf das Wesentliche einer Bewegung konzentrieren. Er/sie hat gelernt, punktgenau Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden.
  • Mit dem Blick auf wesentliche Beobachtungspunkte eröffnen sich Kernbewegungen und Kernpositionen einer Bewegungsfertigkeit.
  • Das Wesentliche einer Bewegung ist in ihrem Bewegungskern festgelegt. Die individuelle Ausgestaltungsform ergänzt die Kernbewegungen und Kernpositionen.

Teilaufgabe Beurteilen

Bewegungsfehler erkennen

Die Informationen aus der Teilaufgabe des erfahrungsgeleiteten Beobachtens bilden nun die Ausgangslage, um auf der Ebene des Beurteilens weiterzuarbeiten. Sie bilden die Grundlage zur Bearbeitung der zweiten Teilaufgabe, dem Erkennen von Bewegungsfehlern. Das Wissen über wesentliche Beobachtungspunkte reduziert die Gefahr, aufgrund falscher oder wenig aussagekräftiger Beobachtungen Beurteilungsfehler zu machen.

Zudem wird die Fehlererkennung durch ein fokussiertes Beobachten positiv beeinflusst. Die Konzentration auf wenige Beobachtungspunkte steigert die Wahrnehmungsleistung und erleichtert die Beurteilung. Auf bewegunglesen.ch können "Aufgaben", das heisst Fertigkeitsausführungen, mehrfach durchgespielt werden. Die Wiederholungen ermöglichen dem User, bei jedem Durchgang auf andere Beobachtungspunkte zu fokussieren. Das mehrfache Beobachten und Beurteilen ist auch eine empfehlenswerte Methodik in der Lernbegleitung der Schülerinnen und Schüler. Zu frühes Beurteilen und Bewerten birgt die Gefahr, dass vermeintliche Bewegungsfehler aufgrund zufälliger Bewegungsausführungen erkannt werden. Gerade im Schulsport sind viele Schülerinnen und Schüler häufig noch nicht in der Lage, Bewegungsabläufe konstant auszuführen. Ein vermeintlich erkannter Bewegungsfehler ist bei einer nächsten Umsetzung oft nicht mehr zu erkennen. Lässt sich derselbe Fehler aber zwei- oder dreimal erkennen, wird eine Korrektur sinnvoll.

Bewegungsfehler kriteriengeleitet beurteilen

Bewegungen können kaum "neutral" beobachtet werden. Diese Erkenntnis ist nicht neu. So werden auf der Ebene der zweiten Teilaufgabe aus Beobachtungspunkten Beurteilungskriterien. Folgerichtig setzen auf bewegunglesen.ch die Beurteilungskriterien an den Kernbewegungen und den Kernpositionen an. Wer Bewegung beobachtet, tut dies also nicht "neutral", sondern orientiert sich stets an Beurteilungskriterien. Dieses Orientieren in der Bewegungsausführung ist der Versuch eines "Sollwert-Istwert-Vergleichs". Gelingt eine Bewegungsausführung in einer Grob- oder Feinform, deutet dies auf eine Übereinstimmung oder zumindest auf eine annähernde Übereinstimmung der gezeigten Fertigkeit hin. Zeigt das "Vergleichsergebnis" grössere Abweichungen, ist ein "Fehler" in der Bewegungsausführung möglicherweise die Ursache dafür. Mit welcher Treffsicherheit Bewegungsfehler erkannt werden, ist auch eine Frage der Vollständigkeit der Beurteilungskriterien. Sind zuvor wesentliche Beobachtungspunkte erkannt worden? Nicht alle Beurteilungskriterien, welche Bewegungsfehler erkennen lassen, sind für eine lernwirksame Rückmeldung von Bedeutung. Es gilt also, die relevanten Bewegungsfehler herauszufiltern.

Welches sind die relevanten Bewegungsfehler?

Mit dem Wissen über Kernbewegungen und Kernpositionen sind relevante Bewegungsfehler leichter zu erkennen. Mit einem Praxisbeispiel wird im Folgenden auf die Bedeutung relevanter Bewegungsfehler eingegangen: Die Rolle vorwärts will auch mit grösster Anstrengung nicht gelingen. Ein Blick auf die Liste der Beurteilungskriterien lässt mögliche Ursachen erkennen:

1. das Gesäss zieht nicht nach oben

2. das seitliche Aufstützen mit Gewichtsverlagerung auf die Hände fehlt

3. Die Brust geht nicht zu den Knien

4. Das Kinn wird nicht zur Brust geführt

5. Der Hinterkopf setzt nicht zwischen den Händen auf

6. Die Bewegung verläuft nicht in der Körper-Querachse

All diese Beobachtungspunkte wurden zuvor als wesentlich erkannt. Werden diese Kernbewegungen nicht ausgeführt, so ist eine Belastung der Halswirbelsäule nicht zu vermeiden. Es kann keine Abrollbewegung erfolgen oder die Bewegung verläuft von der Körperlängsachse weg. Die Fertigkeit ist nicht als "Rolle vorwärts" zu erkennen.

So kann in diesem Beispiel noch nicht von einer Grobform gesprochen werden, weil Kernbewegungen und Kernpositionen nicht oder mangelhaft umgesetzt werden. Steigert sich die Qualität der Bewegungsausführung im Laufe des Lernprozesses durch eine verbesserte Umsetzung von Kernbewegungen und Kernpositionen, kann man von einer Bewegungs-Grobform sprechen. Es zeigt sich, dass zur Beurteilung einer Bewegungsausführung die qualitative Ausprägung der Kernbewegungen und Kernpositionen entscheidend ist.

Kommen bewegungspräzisierende Elemente dazu, ist eine Bewegungs-Feinform erreicht. Bewegungs-Feinformen zeichnen sich durch ein hohes Koordinationsniveau aus und sind häufig formindividuell geprägt.

Werden im erwähnten Beispiel der Rolle vorwärts aber wesentliche Kernbewegungen ausgeführt und Kernpositionen der Bewegung eingenommen, gelingt auch die "grobe" Ausführung der angestrebten Fertigkeit. Wird das Element zusätzlich mit einer ausgeprägten Körperspannung, einer dynamischen Rollbewegung dank kompakter Hockposition, mit jederzeit geschlossenen Beinen, usw. geturnt, ist eine Bewegungsfeinform mit hohem Koordinationsniveau erreicht.

Eine umfassende Fehlererkennung ist schwierig und im Schulsport- und Breitensport auch nicht zentral. Im Zentrum steht nicht die perfektionierte Ausführung einer Bewegungsfertigkeit, sondern das Gelingen einer Grob- oder Feinform der Bewegung. Je nach Schulstufe und Leistungsniveau gelten unterschiedliche und individuelle Ansprüche. Wollen Lehrpersonen, die Sport unterrichten, ihre Funktion als "Bewegungsberater" lernförderlich umsetzen, halten sie sich an den bereits erwähnten Ansatz: Wesentliche Beobachtungspunkte führen zu Beurteilungskriterien, welche auf relevante Bewegungsfehler deuten können, die möglichst geschickt, also lernwirksam, zu korrigieren sind.

Lerneffekt der zweiten Teilaufgabe

  • Relevante Bewegungsfehler einer Bewegungsausführung werden erkannt.
  • Beobachtungspunkte werden zu Beuteilungskriterien, anhand derer Bewegungsfehler erkannt werden.
  • Das zielgerichtete Vergleichen von "Bewegungs-Istwerten" mit den "Bewegungs-Sollwerten" lässt den Beobachter Aussagen zur Bewegungsqualität machen.

Teilaufgabe Beraten

Bewegungsausführung verstehen

So wie das Beurteilen auf dem Beobachten aufbaut, baut eine lernwirksame Beratung auf den Erkenntnissen der ersten beiden Teilaufgaben auf. Wer eine Bewegungsausführung versteht, kann diese (Fertigkeit) durch die wesentlichen Beobachtungspunkte beschreiben und erkennt mit Hilfe der Methode des Sollwert-Istwert-Vergleichs in der Bewegungsausführung Abweichungen bzw. Bewegungsfehler.

Bewegungsausführung kriteriengeleitet beraten

Beraten wollen setzt das Verstehen einer Bewegungsausführung voraus. Man kann nur Beraten, was man zuvor beobachtet und beurteilt hat. So sind die Erkenntnisse über die qualitative Ausprägung von Kernbewegungen und Kernpositionen wichtige Hinweise, auf die in der Bewegungsberatung eingegangen werden muss. In der dritten Teilaufgabe auf bewegunglesen.ch geben Hinweise zu Kernbewegungen und Kernpositionen in den bewegten und angehaltenen Bildern Anhaltspunkte, wo Rückmeldungen nötig sind. Damit Rückmeldungen optimal lernwirksam werden, gilt es, einige methodische Grundsätze zu beachten. Welches sind die lernwirksamen Rückmeldungen? Ob eine Rückmeldung lernwirksam ist oder nicht, kann einzig über den erzielten Lerneffekt bei den Lernenden selber beurteilt werden. Unterschiedliche Erscheinungsformen können Rückschlüsse über erzielte Lerneffekte ermöglichen, etwa ein verbessertes Timing, messbare Verbesserungen der Leistung, Äusserungen zu einer verbesserten Bewegungsvorstellung, allgemeine positive Signale auf Rückfragen, durch spontane Äusserungen der Lernenden usw.

Grundsätze für Rückmeldungen, die von einer allgemein gültigen Lernwirksamkeit ausgehen:

Grundsätzliche Annahme von der Möglichkeit zur Verbesserung
Lob, Fokus auf das Positive · Vermittlung einer positiven Fehlerkultur
Positive Formulierungen der Rückmeldung · Rückmeldungen persönlich und möglicherweise ohne "Zuhörer" machen
Anzahl der Rückmeldungen beschränken, punktuelle Rückmeldungen
Zeit zur Verarbeitung geben

Grundsätze für Rückmeldungen, die von einer individuell gültigen Lernwirksamkeit ausgehen:

Sprache schülergerecht/typengerecht anpassen
Berücksichtigung des Lerntypen
Berücksichtigung des Motivationstypen
Die Innensicht der Lernenden berücksichtigen, SchülerInnen-Rückmeldungen einholen
Zeitpunkt der Rückmeldung bewusst wählen - tendenziell kurz nach der Bewegungsausführung

Lerneffekt der dritten Teilaufgabe

  • Lernrelevante Rückmeldungen werden individuell aufgenommen und stehen im Zusammenhang mit der jeweiligen Lernsituation
  • Rückmeldungen sind soweit wirksam, wie sie von Ihren Empfängern umgesetzt werden können

 

Inhaltsübersicht Methodik:

Teil 1: Einführung - bewegunglesen.ch
Teil 2: Arbeitsweise - bewegunglesen.ch
Teil 3: Theoretischer Hintergrund - bewegunglesen.ch

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